Kommunikation für Kinder.
Interview mit Eckhard Baumann und Jens-Rainer Jänig.
In Deutschland engagieren sich tagtäglich unzählige Stiftungen, Institutionen, Initiativen und Vereine für das Gemeinwohl und verdienen dafür einen hohen Respekt. Herr Baumann, Ihnen wurde am 14. Dezember 2010 von Frau Dr. von der Leyen das vom Bundespräsidenten verliehene Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich hierzu. Darf ich fragen, wie es dazu kam?
Eckhard Baumann: Die Nachricht erhielt ich im November, und sie kam auch für mich sehr überraschend. Bundespräsident Wulff zeichnete mich für mein soziales Engagement gegen Kinderarmut, soziale Ausgrenzung und für die soziale Integration benachteiligter Menschen aus. Die Auszeichnung und Verleihung zeigt mir, dass die Thematik zunehmend in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rückt und Kinderarmut in Deutschland als gesellschaftliches Problem gesehen wird. Darüber hinaus macht mich diese Anerkennung natürlich auch persönlich unheimlich stolz.
Zu Recht. In Berlin lebt jedes dritte Kind in Kinderarmut und je nach Jahreszeit 2000-3000 Kinder auf der Straße. Herr Jänig, Sie unterstützen mit mc-quadrat den Straßenkinder e.V. bereits seit mehreren Jahren. Wie genau sieht Ihre Unterstützung für die Berliner Kinder aus?
Jens-Rainer Jänig: Das stimmt. Seit über vier Jahren unterstützen wir den Straßenkinder e.V. Anfänglich, indem wir mit Eckard Baumann darüber nachgedacht haben, wie wir seine Arbeit bestmöglich bekanntmachen können. Da der Straßenkinder e.V. keine öffentlichen Mittel erhält, ging es um professionelle Kommunikation. Das ist unsere Kernkompetenz. Angefangen bei der Konzeption, Gestaltung und Programmierung des Internet-Auftritts, über die Gestaltung von diversen Geschäftsmitteln wie Visitenkarten und Newsletter-Templates bis hin zur Konzeption und Umsetzung einer kompletten Spenden-Kampagne.
Was wollten Sie mit dieser Kampagne bezwecken? Neben dem Aufruf zum Spenden natürlich.
Jens-Rainer Jänig: Im Gegensatz zu bekannten Hilfsorganisationen verfügt der Straßenkinder e.V. nicht über ein entsprechendes Werbebudget, um bei einer großen Gala oder im Fernsehen Spenden zu sammeln. Doch anstatt dies als eine Schwäche zu sehen, verstanden wir die fehlende Prominenz des Vereins als eine Chance, anfassbar und real zu sein. Ziel der Kampagne war es – neben der Steigerung des Bekanntheitsgrades des Vereins – potenzielle Unterstützer für die Arbeit zu sensibilisieren. Die Kommunikation sollte berühren, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Die Darstellung von typischen Alltagssituationen, also der individuellen Wirklichkeit aus Sicht eines Straßenkindes war in unseren Augen die wirksamste Variante, ein Stück Realität aufzuzeigen. Als Zeitpunkt haben wir bewusst die kalte Jahreszeit in Berlin gewählt, in der das Thema „Auf der Straße leben“ die stärkste Resonanz erhält.
Das heißt, Sie sprechen nicht die Straßenkinder als solche an?
Jens-Rainer Jänig: Nein, die Ansprache der Kinder als solche übernimmt Herr Baumann mit seinem Team. Ziel unserer Arbeit für den Verein ist es, durch eine entsprechende Kommunikation und die damit verbundenen Maßnahmen zu sensibilisieren, also Bewusstsein und Aufmerksamkeit zu schaffen.
Aber nützt diese mediale Aufmerksamkeit den Betroffenen tatsächlich? Also den Kindern?
Jens-Rainer Jänig: Auch oder gerade für caritative und soziale Einrichtungen ist eine stringente und ganzheitliche Kommunikation und somit der professionelle Auftritt nach außen zunehmend ein zentraler Aspekt des Erfolgs und der Profilierung. Erfolg im Falle des Straßenkinder e.V. ist die Generierung weiterer Förderer und Unterstützer, um das primäre Ziel, nämlich der Hilfe der betroffenen Kinder, überhaupt erst ermöglichen zu können – auch vor dem Hintergrund rückgängiger Drittmittel.
Eckhard Baumann: Dem kann ich nur zustimmen. Unser Verein ist zu 100% spendenfinanziert. Das heißt, die vielen Unternehmen und Menschen, die unsere tägliche Arbeit fördern und unterstützen, machen sie somit erst möglich. Ohne die kontinuierliche Begleitung von mc-quadrat, die uns in den letzten Jahren so kompetent unterstützt haben und somit eine entsprechende öffentliche Wahrnehmung erzeugt haben, wären wir heute nicht dort, wo wir jetzt stehen.
Wo genau stehen Sie denn? Anfang Juli haben Sie in Marzahn das „Kinder- und Jugendhaus Bolle“ eröffnet. Welche Zielsetzung verfolgen Sie dort, in dem „Problemkiez“ Marzahn?
Eckhard Baumann: Mit der Gründung von „Bolle“ haben wir einen großen Schritt gemacht. Bis zu diesem Zeitpunkt lag unser Hauptaugenmerk auf der Arbeit mit Kindern, die bereits auf der Straße leben. Zunehmend wurde uns bewusst, dass unser Anspruch ein anderer ist und wir unser Aufgabenfeld diesbezüglich ausweiten wollten. Frei nach dem Motto „Hilfe ist gut, Prävention ist besser.“ wollen wir Kinder zukünftig unterstützen, dass sie gar nicht erst auf der Straße landen. Wichtig dabei ist das Bewusstsein, dass Kinder in der Regel nicht von sich aus Leistungen einfordern, sondern wir müssen auf die Kinder zugehen und sagen „Wir bieten Dir dieses oder wir unterstützen Dich bei jenem.“
Was genau umfasst Ihr Angebot?
Eckhard Baumann: Wir haben eine Fülle von Angeboten: Angefangen bei Hausaufgabenbetreuung, warmem Mittagessen, pädagogischer Betreuung, diversen Freizeitbeschäftigungen bis hin zu Sozial- und Rechtsberatung für Kinder und Familien.
Herr Jänig, wie sehen Sie – als einer der Förderer – diese „präventiven Maßnahmen“?
Jens-Rainer Jänig: Diesen ganzheitlichen Ansatz von Eckhard Baumann, auch präventiv tätig zu werden, finden wir äußerst unterstützenswert. Bildung und ein damit einhergehender guter Schulabschluss ist für viele Kinder der einzige Ausweg aus sozial schwachen Strukturen. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Vernetzung zwischen Schulen und sozialen Einrichtungen schaffen, der Aufbau von Medienkompetenz, Familienbildung – alles wichtige Punkte, die gemeinsam angegangen werden müssen. Daher leisten wir auch hier unseren Beitrag. Für das „Kinder- und Jugendhaus Bolle“ haben wir Logo und Leitsystem entwickelt sowie Flyer für Neueröffnung und Einweihungsfeier umgesetzt. Kürzlich haben wir den gesamten Internetauftritt des Vereins auf Basis des Content Management Systems TYPO3 umstrukturiert und um wesentliche Themenbereiche ergänzt. Als nächstes werden wir – hoffentlich mit der Unterstützung namhafter Partner – eine Website starten, die die Kinder selbst gestalten. Die Idee kam mir aufgrund unserer Arbeit für Unternehmen aus dem Bereich neuer Medien und innovativer Informations- und Kommunikationstechnologie. Mir war klar, dass wir gemeinsam mit Eckard Baumann zeigen können, wie Medienkompetenz – über das bestehende Angebot in der Schule hinaus – vermittelt werden kann.
Eckhard Baumann: Über die Idee von Herrn Jänig habe ich mich besonders gefreut. So könnten sich die Kinder zum einen durch selbst erstellte Inhalte großartig einbringen – sei es künstlerisch, musikalisch, durch Schreiben kleiner Texte, Einstellen von selbstgemachten Fotos und vielem mehr; zum anderen wird somit der Zugang zum Medium Internet auf selbstverständliche und spielerische Art und Weise vermittelt. Wir sind diesbezüglich immer offen und dankbar für jede neue und innovative Idee von mc-quadrat. Ich hoffe, wir werden dieses Projekt realisieren können.
Jens-Rainer Jänig: Angesichts der vielen Probleme auf der ganzen Welt dürfen wir nie übersehen, dass konkrete Hilfe hier direkt vor unserer Tür oft dringend gebraucht wird. Neben finanzieller Unterstützung, die unverzichtbar ist, sind es manchmal die kleinen Ideen, die schon viel erreichen können und deren Umsetzung Mut macht und manchmal sogar langfristige Perspektiven bietet.
Herr Baumann, haben Sie konkrete Ziele für das kommende Jahr?
Eckhard Baumann: Ja natürlich, neben vielen guten Vorsätzen verfolgen wir auch konkrete Ziele. Als ganz praktisches mittelfristiges Ziel planen wir die Aufstockung unseres Gebäudes. Dadurch werden wir rund 500 m² mehr Fläche zur Verfügung haben, um Kindern durch Nachhilfe und Hausaufgaben-Betreuung zu helfen und somit unser Bildungsangebot weiter ausbauen zu können.
Nähere Informationen zu der Arbeit des Vereins finden Sie unter www.strassenkinder-ev.de.






































































